DB-LINK - Information on Deaf-Blindness
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Die Sprache der Hände zu den Händen sprechen

Von Barbara Miles, M. Ed.

Nachwort von Harlan Lane
Ilustrationen von Rebecca Marsh

Übersetzung: Barbara Bettenmann, Langnau am Albis, Schweiz und Hanne Pittroff, Würzburg, Deutschland, Frühling 2001

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Die Bedeutung der Hände für den taubblinden Menschen

Wenn ein Mensch weder hören noch sehen kann oder ihm bedeutende Anteile des Seh- und Hörvermögens fehlen, braucht er andere Möglichkeiten, um die durch diese Sinne vermittelten Informationen zu erhalten. Er braucht dazu eine der Modalität ange-paßte Stimulation wie Harlan Lane (1997) sagt. Meistens sind es die Hände, die für den taubblinden Menschen die Funktionen von Auge und Ohr übernehmen. Glückli-cherweise ist das Gehirn extrem formbar. Darauf haben uns sowohl Harlan Lane als auch Oliver Sacks aufmerksam gemacht. Wenn ein Sinn intensiv genutzt wird, lernt das Gehirn die durch diesen Sinn vermittelten Informationen wirkungsvoller zu verar-beiten. Menschen, die ihre Finger intensiv gebrauchen, wie z.B. Leser der Blinden-schrift oder Spieler von Saiteninstrumenten zeigen eine vergrößerte Repräsentation der Finger auf der Gehirnrinde (Lane 1997). Weiterhin können eigentlich dem Hören und Sehen zugeordnete Gehirnsphären „lernen“, auch taktile Informationen zu verar-beiten und so den Händen mehr „Gehirnkraft“ verleihen. So können die Hände taubblinder Menschen zusätzlich zu ihrer gewöhnlichen Rolle als Werkzeug auch die Funktion nützlicher und intelligenter Sinnesorgane übernehmen: sie ermöglichen da-durch den Menschen, die weder sehen noch hören den ansonsten unerreichbaren Zu-gang zu Objekten, Menschen und Sprache. Man muß in diesem Zusammenhang wis-sen, dass das Gehirn am meisten formbar und anpassungsfähig ist, wenn der Mensch noch jung ist. Je früher ein Kind daher seine Hände als sensible Empfangsorgane zu gebrauchen lernt, um so eher wird es sie optimal einsetzen, um an Informationen zu gelangen.

Oft müssen die Hände taubblinder Menschen noch eine zusätzliche Rolle übernehmen. Sie müssen nicht nur Werkzeug sein (wie bei allen Menschen, die ihre Hände benut-zen), oder Sinnesorgan (als Kompensation für fehlendes Hören und Sehen), sondern auch als Stimme bzw. als wesentlichstes Ausdrucksmittel zur Verfügung stehen. Ge-sten und Gebärdensprache werden oft zum wichtigsten Ausdrucksmittel. Für diese Aufgabe müssen die Hände einzigartige Fähigkeiten besitzen: Sie müssen fähig sein, Stimmungen, Gefühlsnuancen und Betonungen auszudrücken und auch Worte bilden können.

Weil die Hände der taubblinden Menschen in ihrer Funktion als Werkzeug, Sinnesor-gan und Stimme so wichtig sind, sollten Eltern, Erzieher und Freunde taubblinder Men-schen besonders aufmerksam für die Hände werden. Sie müssen lernen, wie die Hän-de der taubblinden Person zu „lesen“ und wie ihnen zu begegnen, um eine optimale Entwicklung zu gewährleisten. Sie müssen lernen, Informationen so anzubieten, daß diese den Händen zugänglich sind, weil Hände ja oft die einzig zugängliche Modalität sind. Sie müssen lernen, mit der„ Sprache der Hände zu Händen zu sprechen“ und die „Sprache der Hände von Händen zu lesen“.

Deshalb muß man wissen und verstehen, welche Rolle Hände in der typischen Ent-wicklung spielen und wie dies bei blinden und gehörlosen Kindern ist. Dieses Ver-ständnis wird es Eltern, Erziehern und Freunden erleichtern, so geschickt wie möglich Beziehungen zu taubblinden Menschen aufzubauen und die Entwicklung ihrer Hände zu unterstützen. Die Rolle der Hände in der frühen Entwicklung.

Die Rolle der Hände in der frühen Entwicklung

Für uns alle – taubblind oder nicht – verlief die Entwicklung der Fähigkeiten unserer Hände parallel zu der Entwicklung des allmählich auftauchenden Bewusstseins unse-res Selbst in der Welt. Dank unseren wachsenden Fähigkeiten zum Gebrauch der Hände als Werkzeug konnten wir ein Vertrauen in unsere Möglichkeiten entwickeln, mit Objekten und Personen handelnd umzugehen, sie zu erkunden und uns in der Welt zu bewegen. Wahrscheinlich hat niemand diese Entwicklung so sorgfältig dokumentiert wie Selma Fraiberg in ihrem Buch „Insights from the Blind“ (1977). Vieles von dem, was sie und ihre Kollegen über die normale Entwicklung gelernt hatten, konnten sie erst dann richtig verstehen, als sie die Entwicklung von einigen blinden Kindern sorg-fältig beobachtet hatten. Diese Beobachtungen führten zu Überlegungen darüber, wie Kinder normalerweise ihre Hände benutzen und wie Hände zur Entwicklung des Indivi-duums beitragen.

Die Hände des neugeborenen Kindes sind noch keine Werkzeuge. Sie werden ge-wöhnlich auf Schulterhöhe auf beiden Seiten des Körpers gehalten und bewegen sich zufällig, instinktiv. Auch unterliegen sie dem tonischen Nackenreflex, d.h. daß das Aus-strecken der Hand bewirkt, daß sich der Kopf dieser Hand zuwendet. Dieser Reflex macht das Kind empfänglich dafür, auf seine Hände zu schauen (Selma Fraiberg S. 150). Nachdem der Nackenreflex verschwindet, bringt die Orientierung des Kopfes auf die Mittellinie und das zufällige Zusammenbringen der Hände auf dieser Mittellinie zu-sätzliche visuelle und taktile Belohnungen, wenn das Kind mit seinen Fingern experi-mentiert, berührt, bewegt und greift. Wenn das Kind die visuellen Erfahrungen der Hand- und Armbewegungen mit den entsprechenden propriozeptiven Muskelerfahrun-gen zu verbinden beginnt, gelingt es ihm zunehmend, seine Handbewegungen zu kon-trollieren. Nach etwas greifen, etwas ergreifen und fallen lassen, etwas werfen - das Kind macht all dies immer wieder und erfährt sich dabei als ein Wesen, das mit immer größerer Sicherheit etwas in der Welt bewirken kann.

In der zweiten Hälfte des ersten Jahres liefern das Erreichen der Hand-Auge-Koordination und die Fähigkeit, sich nach etwas auszustrecken und etwas zu ergreifen die entscheidende Motivation für die Entwicklung der Mobilität. Das Kind sieht ein Ob-jekt oder eine Person und bewegt sich darauf zu, in der Absicht zu berühren, zu er-greifen. Die Hände und die Augen ziehen das Kind hinaus in die Welt außerhalb seines eigenen Körpers. Kriechen und gehen bringen wiederum eigene Belohnungen, weil das Kind dadurch seine Vorstellungen von der Welt erweitert und mehr Vertrauen zu seinen Fähigkeiten entwickelt, die Welt zu untersuchen und sie zu beeinflussen.

Die Hände spielen auch eine entscheidende Rolle in der Sprachentwicklung. Bei allen Kindern sind die Hände ein wichtiges Ausdrucksmittel. Wir alle kennen stolze Eltern, die ihr Kleinkind vorführen, das gerade gelernt hat, „ade“ zu winken oder einen Kuß zu schicken. Gesten wie diese gehen oft den ersten gesprochenen Wörtern voraus. Viel-leicht die wichtigste Geste in der Sprachentwicklung ist die hinweisende Geste, das Zeigen. Eine Mutter, die auf ein Objekt zeigt, während sie es benennt („Schau, ein Hund!“), entwickelt ein gemeinsames Thema und stellt sicher, daß sie und ihr Kind ihre Aufmerksamkeit auf den gleichen Sachverhalt richten. Das Wort, das den Sachverhalt, das Objekt benennt, kann nun für das Kind Bedeutung erlangen. Ein kleines Kind, das gerade seine ersten Worte lernt, wird das Zeigen und den zugehörigen Blick zur Mutter oder zu einem anderen Erwachsenen immer wieder benutzen, um sich auf diese Art seine neu erworbene Fähigkeit, etwas zu benennen, bestätigen zu lassen. Dieses Zei-gen entsteht aus der Fähigkeit, nach etwas zu greifen, und diese Fähigkeit wiederum entsteht aus dem Vertrauen auf die Koordination von Hand und Auge. Bei allen Kin-dern legen diese sich entwickelnden Fähigkeiten der Hände das Fundament für den Erwerb der Sprache

Die Handentwicklung beim blinden Kind

Die Situation ist offensichtlich anders für das Kind, das nicht sehen kann. Erstens brin-gen der tonische Nackenreflex und das Zusammenbringen der Hände auf der Mittelli-nie keine visuelle Belohnung. Vielleicht ist dies der Grund, warum es gewöhnlich viel länger dauert, bis das blinde Kind seine Hände bewußt kontrollieren kann, bis die Hän-de zu Handelnden werden für Wünsche und Willen, unabhängig von instinktiven, re-flexartigen Bewegungen.

Tatsächlich ist es ohne das Sehen für ein Kind enorm schwierig, die Hände als Werk-zeuge und als feine Sinnesorgane benutzen zu lernen. Selma Fraiberg bemerkte in ih-ren Beobachtungen - zuerst bei einem kleinen Jungen mit dem Namen Peter und dann bei vielen anderen blinden Vorschulkindern - daß die Hände dieser Kinder für eine lan-ge Zeit in Babyhaltung neben den Schultern blieben, als ob sie sich ihrer Kraft nicht bewußt wären. Viele blinde Kinder bringen ihre Hände erst spät auf der Mittellinie zu-sammen. Auch die absichtsvollen Greifbewegungen entwickeln sich verspätet.

S. Fraiberg bemerkte zudem, daß Peters Hände und die Hände anderer blinder Klein-kinder sich lange Zeit wie Münder verhielten. Sie krallten, bissen und zermalmten ähn-lich wie Zähne. Die Hände schienen die gleiche Art von Bemühungen zu machen, wel-che Münder machen, um etwas aufzunehmen. Die Hände waren Werkzeuge, aber un-reife, und die Kinder brauchten viel Übung und Entwicklungsanreize, bevor sie Freude daran hatten, Objekte manuell zu explorieren (S. 33). Damit Peters Hände unabhängi-ge Sinnesorgane werden konnten und er sich dafür interessieren konnte, die Welt un-abhängig von seinem Mund zu untersuchen, schien Peter durch eine Phase gehen zu müssen, in der er seine Hände benutzte, um Dinge immer differenzierter fortzuwerfen. S. Fraiberg spekuliert, daß dieses Werfen ein Teil des Prozesses ist, durch den die Skelettmuskulatur unabhängig von der Mundmuskulatur wird (S. 47). Sie stellt fest, daß sehende Kinder (die meistens eine ähnliche, aber kürzere Werfphase durchmachen) typischerweise im ungefähr gleichen Stadium beginnen, sich unabhängig zu bewegen. Dadurch trainieren sie ihre Skelettmuskulatur und erleben ihre eigene körperliche Kraft und Kompetenz in positiver Art und Weise. Das blinde Kind, das bis jetzt noch nicht begonnen hatte, sich fort zu bewegen (weil es von den Objekten „dort draußen“ noch nicht gelockt wird), könnte in Peters Situation sein, in der er seinen Aggressionen noch kein Ventil durch Bewegungen der großen Muskeln verschaffen konnte. Daher benützt es vielleicht seine Hände zusammen mit dem Mund als Ventil für seine Energie. Frai-berg stellte Folgendes fest: Wenn es Peter erlaubt war und er sogar dazu ermutigt wurde, unter sicheren Bedingungen zu werfen, lernte er dies auf eine zunehmend ge-zieltere Art zu tun; seine Aggressionen gegenüber Menschen – z.B. Kneifen und Krat-zen - nahmen jetzt schnell ab.

Blindheit bürdet den Händen des mit dieser Beschränkung geborenen Kindes eine an-dere gewaltige Aufgabe auf. Ohne die Hilfe des Sehens muß das Kind lernen, sich die Beständigkeit der Dinge seiner Umwelt (Objektpermanenz) handelnd zu erschließen. Es muß ein sicheres Wissen darüber erwerben, daß Objekte existieren, ohne daß es sie unmittelbar erfährt. Die Hände und Ohren sind seine einzigen verläßlichen Mittel, dies zu tun. Bei einem sich normal entwickelnden Kind, das sehen und hören kann, wird dies durch die Koordination aller Sinne erreicht. Ein Objekt, welches gesehen, be-rührt und möglicherweise gehört und gerochen wird, kann mit den Augen verfolgt wer-den, während es verschwindet, es kann gehört werden, wenn es außer Sichtweite ist und es kann mit den Augen lokalisiert werden, wenn es zu hören ist. Diese Erfahrun-gen bauen aufeinander auf, bis das Kind (gewöhnlich mit ungefähr 9 Monaten) sicher ist, daß Objekte und Menschen unabhängig von ihm selber existieren und es nun nach verlorenen Objekten suchen wird. Zusammen mit dem Erreichen der Objektpermanenz tut es einen großen Schritt in der Entwicklung eines Bildes von sich Selbst: Das Kind lernt zu fühlen, daß es getrennt von anderen und getrennt von der Welt der Dinge exi-stiert.

Ein blindes Kind erreicht Objektpermanenz normalerweise später als ein sehendes Kind. Es lernt erst nach und nach, daß das Geräusch eines Lieblingsspielzeuges si-gnalisiert, daß das Spielzeug im Raum existiert. Dann lernt es allmählich, nach diesem Objekt zu greifen. Diese Rückversicherung legt die Grundlage für die Bewegungsent-wicklung, sie lockt das Kind nach draußen. Fraiberg hat diese winzigen Schritte in der Entwicklung der Bedeutung der Objektpermanenz in ihrer Beschreibung eines kleinen Jungen dokumentiert, den sie „Robbie“ nennt. Auf dem Höhepunkt dieses Prozesses im Alter von 10 Monaten und 10 Tagen wurde zum ersten Mal beobachtet, wie Robbie ein Objekt explorierend abtastet (im Unterschied dazu, nur auf das Objekt zu schlagen, es zu ergreifen und damit zu schlagen oder es fallen zu lassen oder zu werfen). Dieses Abtasten schien anzuzeigen, daß er jetzt verstand, daß „es ein Ding ist, welches eige-ne Qualitäten hat, unabhängig von seinen eigenen Aktivitäten“ (S. 192). Ungefähr drei Wochen später griff Robbie zum ersten Mal selbständig nach einem Objekt, nachdem er es gehört hatte, und drei Tage danach begann er zum ersten Mal zu kriechen. Was den kleinen Jungen zu diesem wichtigen Durchbruch führte, waren Wochen und Mo-nate des Experimentierens und Spielens, bei dem er lernte, daß die Informationen sei-ner Hände und seiner Ohren koordiniert werden können. Er lernte auch, darauf zu ver-trauen, daß seine Hände und Ohren ihm wirklich verläßliche Informationen über die Welt geben können.

Die Rolle, die Hände in der Sprachentwicklung des blinden Kindes spielen, ist sehr wichtig. Eine der wichtigsten Entdeckungen Fraiberg‘s war, daß die Hände des blinden Kindes sehr ausdrucksstark sind und, daß sie oft die Funktionen übernehmen, die beim sehenden Kind das Lächeln, staunende Blicke und die Mimik zum Ausdruck bringen. Als Antwort auf Vergnügliches und Interessantes zeigen sie z.B. freudige Bewegungen, und dies sogar bevor sie fähig sind zu explorieren oder absichtsvoll zu greifen. Wenn Fraiberg Mütter und Betreuer dazu bewegen konnte, auf die Hände ihrer nicht sehen-den Kinder zu achten, bemerkte sie, daß die meisten dort vieles ablesen konnten. Müttern, denen dies nicht gelang, erlebten oft einen Zusammenbruch in der Beziehung zu ihren Kindern, wahrscheinlich deshalb, weil der wechselseitige Augenkontakt und das Erwidern des Lächelns, das gewöhnlich die Basis für solche Beziehungen legt, mit einem blinden Kind unmöglich ist. Fraiberg erkannte, daß es den Müttern half, wenn sie ihnen in den Händen ihrer Kinder das Lächeln und die Anzeichen des Interesses zeigte; dadurch lernten sie positive, wechselseitige Interaktionen aufrecht zu erhalten und die frühe Bindung zu verstärken, die für eine gesunde Entwicklung nötig ist.

Auf etwas zeigen und gebärden wird offensichtlich für das blinde Kind nicht dieselbe Bedeutung haben, wie für ein Kind, das sehen kann. Deshalb sind die ersten Worte von blinden Kindern meistens Benennungen für Dinge, die besondere Geräusche ma-chen oder die sich häufig in Reichweite des Kindes befinden. Den Namen eines Dinges zu hören, wenn es das Ding berührt oder wenn es seinen Ton hört, hilft dem Kind, die Verbindung zwischen dem Namen und dem Ding herzustellen. Die gemeinsame Berüh-rung entspricht für ein blindes Kind am ehesten der hinweisenden Geste (des Zeigens), weil das Kind so am sichersten weiß, daß es einen gemeinsamen Bezug gibt, daß das benannte Objekt das gemeinsame Thema ist, welches es mit dem Sprecher teilt (die Art der gemeinsamen Berührung ist wichtig und wird später noch besprochen). Selma Fraiberg beobachtete die Beziehung von Berührung und Sprachentwicklung und stellte fest, daß dann, als Peter „Objekte entdeckte, mit ihnen hantierte, sie unterschied und benannte, sein Wortschatz schnell größer wurde“ (S. 43).

Die Entwicklung der Hände beim gehörlosen Kind

Die Entwicklung der Handfunktionen des gehörlosen Kindes folgt der normalen Ent-wicklungsabfolge – es lernt seine Hände mit den Informationen der Augen zu koordi-nieren, es lernt, nach etwas zu greifen, etwas zu ergreifen und es wird immer sicherer im Bewußtsein seiner Selbst handeln. Gewöhnlich übernehmen die Hände zusätzlich die Aufgabe, Stimme für das Kind zu sein; und dies in immer größerem Ausmaß als dies bei hörenden und sprechenden Kindern der Fall ist. Neuere linguistische Untersu-chungen haben ergeben, daß gehörlose Kinder mit ihren Händen zu „plaudern“ begin-nen, zufällige und zunehmend differenzierte Bewegungen machen, die später für das Formen der Gebärden der amerikanischen Gebärdensprache (oder welche Sprache dann auch immer die Gebärdenmuttersprache des Kindes ist) sehr nützlich sind. Ge-hörlose Kinder, welche von Geburt an mit Gebärdensprache konfrontiert sind, praktizie-ren diese Art des „Plauderns“ ungefähr zur gleichen Zeit, wie hörende Kinder mit ihren Stimmen plaudern. Sie beginnen ungefähr zur gleichen Zeit zu gebärden (ihre ersten Worte zu „sprechen“), wie Kinder, die ihre Stimmen benutzen, ihre ersten Worte spre-chen (Quigley & Paul, 1984, S. 95). Werden die Hände eines gehörlosen Kindes als dessen Hauptausdrucksmittel betrachtet und findet eine entsprechende Ermutigung statt, so übernehmen die Hände diese Rolle anscheinend mit Kompetenz und im typi-schen Alter.

Die Entwicklung der Hände beim taubblinden Kind

Die Hände des blinden Kindes haben die Aufgabe, die frühe Bindung, Objektperma-nenz, Autonomie der Hand und Mobilität zu vermitteln. Man kann nur erahnen, welche Schwierigkeiten sich zusätzlich für ein Kind ergeben, das weder hören noch sehen kann. Zusätzlich müssen die Hände des taubblinden Kindes noch die Aufgabe über-nehmen, Stimme zu sein, so wie sie das für die meisten gehörlosen Kinder sind. Glücklicherweise haben taubblinde Kinder oft noch Seh- und / oder Hörreste, mit deren Hilfe sie die nötigen Verbindungen herstellen können, um nacheinander die Meilenstei-ne der Entwicklung zu bewältigen; bei all dem ist auch immer der Gebrauch der Hände eingeschlossen. Die sachkundige Förderung der verbliebenen Seh- und / oder Hörre-ste ist absolut entscheidend, wenn man dem taubblinden Kind helfen will, Bindung, Objektpermanenz, Autonomie der Hand und Ausdruckskraft der Hand zu erreichen - all dies sind wesentliche Voraussetzungen für das Erreichen eines starken Selbstwertge-fühls, einer unabhängigen Mobilität und für die Entwicklung der Sprache.

In den Fällen, in denen weder der Gesichts- noch der Gehörsinn zur Verfügung steht, müssen die Hände weitgehend die Aufgabe übernehmen, eine explorative Kompetenz zu erreichen; mit ihrer Hilfe muß das Kind zu einem sicheren Verständnis der Objekt-permanenz kommen und damit zu einer Motivation zur Entwicklung der Mobilität; die Hände müssen helfen, daß das Kind ein Körperschema aufbauen kann, daß es ein Gefühl für sein Selbst in der Welt und für seine Fähigkeit entwickelt, Gefühle und Ideen auf differenzierte Art und Weise auszudrücken. Die Hände des taubblinden Kindes müssen neugierig werden, müssen lernen zu suchen, zu explorieren, nach etwas aus-zugreifen, zu ergreifen, sie müssen fähig werden, eine immer größer werdende Anzahl von Gefühlen und Ideen auszudrücken – und dies alles ohne die Rückversicherung des Gesichtssinnes und des Gehörs. Es ist absolut entscheidend, daß diese Entwick-lung in Gang kommt, denn für ein solches Kind sind seine Hände die wesentlichste Verbindung zur Welt. Ohne Förderung der Hände (oder ohne kompensatorischen Ge-brauch von anderen Informationskanälen, wenn der Gebrauch der Hände unmöglich ist), wird es keine Differenzierung zwischen dem Selbst und der Welt geben, keinen Erwerb von Sprache und keine kognitive Entwicklung, die über elementarste Vorstel-lungen hinaus geht.

Meine Beobachtungen von taubblinden Kindern in einem frühen Entwicklungsalter führten mich zu dem Glauben, daß die Entwicklung ihrer Hände in einem starken Zu-sammenhang mit den kommunikativen Interaktionen mit den ersten Bezugspersonen steht. In vielen Fällen stellte ich fest, daß die erste Art der Handexploration eines klei-nen Kindes in einer Art Selbststimulation besteht. Oft steckt es die Hand in den Mund oder berührt sich an anderen Körperteilen. Die ersten Entdeckungen außerhalb des ei-genen Körpers ereignen sich aus einer sicheren körperlichen Basis heraus, und das erste Untersuchungsobjekt, abgesehen vom eigenen Körper, ist meistens der Körper einer Betreuungsperson. Wenn das Erkunden z. B. des Gesichts der Mutter oder einer anderen Person ermutigt und unterstützt wird, geschieht dies immer wieder und ent-wickelt sich nach und nach zur Erkundung weiterer Teile der Welt. Wenn diese Explo-ration nicht unterstützt wird, lernen die Hände des Kindes nicht, sich nach Informatio-nen auszustrecken. Sie bleiben auf den eigenen Körper fixiert.

Möglichkeiten der Förderung zur Entwicklung der Handfunktionen und Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten taubblinder Menschen

Ich werde mich hier so äussern, als ob es sich um völlig blinde Menschen handeln würde. Aber die meisten dieser Vorschläge können auch für alle Kinder und Erwach-senen fruchtbar gemacht werden, die noch über Seh- und Hörreste verfügen. Sie brau-chen oft die Unterstützung des grundlegenden Berührungssinnes, um ihre Konzepte über die Welt abzusichern, vor allem während der frühen Entwicklungsstadien.

1. Beobachte und / oder berühre die Hände des taubblinden Kindes oder Er-wachsenen und lerne, sie zu verstehen.

Dies ist der Rat von Selma Fraiberg an die Mütter von blinden Kindern. Es ist schwieri-ger, als es sich anhört. Menschen, die sehen können, sind es gewohnt, in die Gesich-ter anderer Leute zu schauen, um dadurch Hinweise auf deren Gefühle und ihre Auf-merksamkeit zu erhalten. Die Fähigkeit, auf die Hände von taubblinden Personen zu achten, muß gelernt und geübt werden. Wir sollten auch lernen, unsere eigenen Hände genauso wie unsere Augen als Sinnesorgane zu benutzen, um mehr darüber heraus-zufinden, was die Hände der taubblinden Person ausdrücken. Mit den Händen des Kindes oder des Erwachsenen in Kontakt zu bleiben wird uns helfen, sie zu verstehen. Fraiberg bemerkte dazu Folgendes: „Wenn wir unsere Aufmerksamkeit vom Gesicht des blinden Babys zu seinen Händen verschieben, dann werden wir eine vielsagende Sprache des Suchens, des Werbens, von Vorlieben und des Wiedererkennens entdek-ken, die während der ersten sechs Monate zunehmend differenzierter wird (S. 107)“.

2. Betrachte Hände als Initiatoren für Themen in sprachlichen Interaktionen, vor allem mit kleinen Kindern, die noch keine Worte benutzen.

Ein sehendes Kind, das noch nicht spricht, gebraucht gewöhnlich eine Kombination von Plaudern, Blicken und Gesten (zeigen, greifen nach, wegschieben), um zu zeigen, worüber es sich mit einem Erwachsenen austauschen möchte. Blicke sind ein äusserst wirksames Mittel, um Themen zwischen Kind und Betreuer zu initiieren. Dieser Weg steht dem taubblinden Kind nicht zur Verfügung. Wer mit einem taubblinden Kind, das nicht sprechen kann, eine bedeutungsvolle Interaktion haben möchte, muss an einem anderen Ort suchen lernen, um zu erkennen, worauf das taubblinde Kind seine Auf-merksamkeit richtet - worin sein Interesse besteht - so dass sich in der Interaktion mit dem Kind ein Thema entwickeln kann, zu welchem das Kind einlädt. Für das taubblin-de Kind sind seine Hände häufig die Initiatoren für Themen. Sie zeigen oft an, womit sich das taubblinde Kind gerade beschäftigt.

Was das Kind auch immer berührt, was es auch immer mit seinen Händen tut - dies kann ein mögliches Interaktionsthema sein. Die ersten Gesprächsthemen sind ge-wöhnlich der Körper des Kindes und der Körper derjenigen, welche ihm körperlich na-he sind. Ein kleines taubblindes Kind interessiert sich zuerst dafür, was sein eigener Körper tun kann, was die Körper der anderen tun können und wie sie sich anfühlen. Ganz am Anfang ist die Aufmerksamkeit noch nicht in den Händen zentriert, sondern sie scheint im ganzen Körper zu wohnen. Dies zeigt sich an der Freude, die junge Kin-der oder Kinder in einem frühen Entwicklungsstadium an Ganzkörperspielen haben. Eine Möglichkeit die Entwicklung des Kindes zu unterstützen besteht darin, es zu er-mutigen, sich dafür zu interessieren, was seine Hände gerade zufällig berühren. Es wird davon profitieren, wenn es seine Aufmerksamkeit nach und nach von der ganz-körperlichen Aufmerksamkeit in Richtung einer mehr auf die Hände zentrierten Auf-merksamkeit lenken kann, weil es mit seinen Händen auf eine Art und Weise in der Welt handeln kann, wie ihm dies mit seinem ganzen Körper nicht gelingt. Unsere Un-terstützung für diesen Schritt geben wir am besten durch eine nicht direktive (nicht be-fehlende), antwortende Berührung.

3. Benütze die „Hand- unter- Hand“- Berührung, um auf Exploration, Initiierung von Themen und auf Gefühlsausdruck zu antworten.

Weil taubblinde Kinder oft offensichtlich ziemlich hilflos sind, verleiten sie ihre Betreu-ungspersonen dazu, ihnen ständig helfen zu wollen. Eine Art von Hilfe, die solchen Kindern am häufigsten angeboten wird, ist die „Hand-über-Hand“ - Manipulation (die Hände des Lehrers oder der Eltern liegen über denjenigen des Kindes). Wird diese Art der Berührung zu routinemässig und zu ausschliesslich angeboten, so konditioniert man die Hände des taubblinden Kindes, passiv zu sein, auf die Führung durch die Be-treuerhände zu warten und das Kind lernt schliesslich zu vermeiden, selbständig in der Welt nach Information und Stimulation zu suchen. Das Führen bewirkt auch, dass sich die Aufmerksamkeit des Kinder vom Objekt löst, das es berührt, und sich auf die füh-renden Hände konzentriert.

image: Die Hand der Betreuungsperson befindet sich leicht unter der Hand des Kindes, während sie zusammen erkunden

Bild 1: Die Hand der Betreuungsperson befindet sich leicht unter der Hand des Kindes, während sie zusammen erkunden

In den meisten Situationen ist die geschickteste Art, ein taubblindes Kind (oder einen Erwachsenen) zu berühren, die „Hand-unter-Hand“ - Berührung. Wenn das Kind mit seiner Hand ein Objekt untersucht oder Teile seines Körpers oder den Körper von je-mand anderem, dann wird eine leichte Berührung unter einem Teil der Hand des Kin-des zur taktilen Entsprechung der Hinweisgebärde. Eine solche Berührung schafft ein gemeinsames Thema und legt den Boden für Sprachentwicklung. Die präzise Ausfüh-rung dieser Berührung ist wichtig. Diese Art der Hand-unter- Hand - Berührung muss sorgfältig und bewusst mit den drei folgenden Zielen ausgeführt werden.

Die Hand-unter-Hand – Berührung

  • ist nicht kontrollierend,
  • sie erlaubt dem Kind zu erleben, das du die Erfahrung, das gleiche Objekt zu be-rühren oder die gleiche Art von Bewegungen zu machen, mit ihm teilst,
  • stört nicht die wichtigsten Aspekte der Erfahrung des Kindes von irgendeinem Ob-jekt, das es berühren möchte.

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder am ehesten ihre ersten Worte und Gesten produzieren, wenn sie die aktive Beschäftigung mit einem Objekt mit ihrer Mutter teilen (Adamson, Bakeman & Smith, 1994, S. 41). Die hier beschriebene Art der Berührung – die Hand des Erwachsenen liegt leicht unter der Hand des Kindes - stellt sicher, dass das taubblinde Kind die Gelegenheit haben wird, seine Aufmerksamkeit für ein Objekt (oder eine Bewegung) zu teilen und legt somit die Grundlage für seine ersten „Worte“.

4. Stelle dem taubblinden Kind Deine Hände zur Verfügung, was es auch immer damit machen möchte.

Bevor ein Kind seine eigenen Hände als verlässliche Instrumente zu benutzen lernt, vertraut es oft den Händen eines anderen und benutzt diese auch. Wir alle haben schon ein kleines Kind gesehen, das nach der Hand eines Erwachsenen greift und die-se auf das Objekt legt, dessen Betätigung es wünscht. Damit auch ein taubblindes Kind dies tun kann, müssen die Hände des Erwachsenen für das Kind zum Gebrauch erreichbar sein. Wenn es kein Sehvermögen hat muss es die Erreichbarkeit taktil er-fahren. Gewöhnlich scheint es mir am wirksamsten, wenn ich meine Hände, Handbal-len gegen oben, leicht unter die Hände des Kindes lege, so dass meine Zeigefinger zum Ergreifen erreichbar sind. Wenn ein Kind einen Sehrest hat und nutzt, kann die gleiche Geste vor seinen Augen gemacht werden. Was durch solch eine Geste, die immer und immer wieder angeboten wird, ausgesagt wird ist Folgendes: „Da sind mei-ne Hände. Benütze sie, wie Du willst. Untersuche, was sie tun können.“ Die Hände des Erwachsenen müssen ohne Spannung und biegbar bleiben, damit das Kind sie als Werkzeug benutzen kann. Oft wird das Kind das Angebot akzeptieren, meine Hände ergreifen und damit experimentieren, sie bewegen. Aus dieser einfachen Geste können viele Spiele und Gespräche mit den Händen ent-stehen, und das Kind kann Vertrauen in den Gebrauch seiner eigenen Hände entwik-keln, um die „Welt“ zu beeinflussen.

image:Die Hände des Lehrers liegen unten - bereit für das Kind, sie als Werk- zeug zu benutzen.

Bild 2: Die Hände des Lehrers liegen unten - bereit für das Kind, sie als Werk- zeug zu benutzen.

5. Imitiere die Handbewegungen des Kindes mit Deinen Händen unter denjeni-gen des Kindes.

Nachahmung ist die beste Art von Ermutigung. Sie dient dazu, die Aufmerksamkeit des Kindes auf seine eigenen Hände zu lenken und verstärkt die Fähigkeiten der Hände, Ausdrucksmittel zu sein. Dies ist zu vergleichen mit dem, was Mütter instinktiv tun, wenn sie die Töne, Bewegungen und den Gesichtsausdruck ihrer Kinder nachahmen. Wann auch immer das Kind seine Hände aktiv benutzt - um zu schlagen, zu klatschen, zu winken, sie zu öffnen und zu schliessen, sie zu schütteln, die Finger zu bewegen -, diese Handlungen können dann nachgeahmt werden, indem die oben erwähnte Hand-unter-Hand - Position benutzt wird.

6. Spiele oft interaktive Handspiele.

Für das taubblinde Kind entsprechen diese Spiele den Plauderspielen des Kindes, welches das Sprechen entwickelt (sie sollten, wann immer es möglich ist, zusätzlich zu Plauderspielen benutzt werden, anstatt als Ersatz dafür). Solche Spiele können aus der Nachahmung der Bewegungen des Kindes entstehen, und sie können erfunden und nach und nach ausgeweitet werden. Klatschen, Öffnen und Schliessen von Fin-gern, mit den Fingern kriechen, kitzeln - alle diese Arten von Bewegungen und andere können auf spielerische, abwechslungsweise Art ausgeführt werden und dem Kind das Maximum an Gelegenheiten bieten, die Hände des Erwachsenen zu spüren.

7. Gestalte die Umgebung so, dass das Kind dadurch zu Aktivitäten der Hand ermutigt wird, die seinem Entwicklungsstand entsprechen.

Wenn das Kind lernen sollte, beide Hände zusammen zu benutzen, ist es sehr wichtig, Spielzeug und interessante Materialien in der Körpermittellinie anzubieten. Hängt man Spielzeug über eine Wiege oder in einen „Little Room“, wie er von Lilli Nielsen erdacht wurde, so ermöglicht man dadurch dem Kind, seine Fähigkeiten zur Koordination der beiden Hände zu entdecken und stärkt das Vertrauen in seine Geschicklichkeit. Be-sonders wertvoll sind dabei Geräusch erzeugende Spielsachen, die ev. vorhandene Hörreste aktivieren oder Spielsachen, die sehr interessante Strukturen aufweisen. Ge-nau so wichtig ist es, die Greiffähigkeiten des Kindes zu beobachten und ihm Spielsa-chen anzubieten, die seinen Fähigkeiten entsprechen - ein Kind mit einem Zangengriff braucht z. B. andere Spielsachen als dasjenige, das über den Pinzettengriff verfügt.

Wenn sich das Kind schliesslich für ein Objekt um des Objektes Willen interessiert, sollte man feststellen, für welche Qualitäten der Objekte es sich interessiert; dann sollte man Objekte anbieten, welche ähnliche, aber leicht unterschiedliche Qualitäten aufweisen. Dies hilft dem Kind, seine taktilen Erfahrungen zu erweitern; dadurch unter-stützt man die Entwicklung der Handfertigkeiten und das Vertrauen des Kindes in seine Fähigkeiten. Ein kontinuierliches Angebot von interessanten, taktilen Materialien ist entscheidend.

8. Unterstütze kräftiges Werfen an geeigneten Orten und entsprechend dem Entwicklungsalter .

Weil das Vertrauen in den Gebrauch der Hände von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des taubblinden Kindes ist, sollte man alle aktiven Betätigungen der Hand unterstützen. Das Werfen ist sowohl eine Handaktivität als auch ein grobmotorisches Verhalten. Wie wir gesehen haben, scheint dies auch Teil einer Entwicklungsabfolge zu sein, die für ein Kind ohne Sehfähigkeit besonders wichtig ist und die mit dem Er-werb eines sicheren Gefühls für die Permanenz der Objekte und mit der Entwicklung der Selbstwahrnehmung verbunden ist. Bohnensäckchen mit gefälligen Strukturen eig-nen sich besonders gut für sicheres und befriedigendes Werfen. Durch eine sichere Umgebung, in der das Werfen das Kind selbst und andere Personen nicht gefährdet, wird sichergestellt, dass die Betreuungspersonen dieses Verhalten zu passenden Zei-ten erlauben und unterstützen können; sie helfen damit dem Kind, ein aktives Vertrau-en in seine Fähigkeit zu entwickeln, seine Hände auf diese Art zu benutzen.

9. Lade Deine Partner zum Berühren deiner Hände ein, während sie unter-schiedlichste Aktivitäten ausführen.

Eltern, Lehrer und Freunde von taubblinden Kindern und Erwachsenen können viele wertvolle Erfahrungen über die Welt vermitteln, indem sie das Kind oder den Erwach-senen einladen, ihre Hände zu fühlen, während sie kochen, reinigen, Material zusam-mentragen, waschen, etwas untersuchen, mit anderen kommunizieren oder einfach Pause machen. Wenn einem Kind oder Erwachsenen die Hand-unter–Hand - Position ( seine Hand liegt auf derjenigen eines anderen ) angenehm ist, dann kann die Einladung zur Berüh-rung entweder durch Sprache ( „Möchtest Du berühren _____ ?“) geschehen oder indem man einfach seine Hand sanft unter die Hand der taubblinden Person legt und sie so in die Richtung der Aktivität bewegt. Wenn sich deine Hand unter der Hand Deines taubblinden Partners befindet, so ist seine Hand frei, sich zu entfernen, und die Geste fühlt sich wie eine Einladung an und nicht wie eine Anweisung. Nehmen wir an, dass ein Kind viele positive, nicht befehlende Erfahrungen mit Berührungen gehabt hat, so wird es neugierig und motiviert sein, deine Handlungen zu erforschen. Werden im Verlauf von Interaktionen solche Gelegenheiten wie oben beschrieben viele Male an-geboten, so können sich Hände und Verstand des Kindes entwickeln; der taubblinde Erwachsene wird fortlaufend Gelegenheit haben, mit Handlungen und Materialien sei-nes Umfeldes in Kontakt zu bleiben und mit seinen Mitteln mit anderen in Interaktion zu treten.

Es ist wichtig, der taubblinden Person die Gelegenheit zu geben, regelmässig gebär-deter Konversation „zuzuhören“ durch Berührung der Gebärden der involvierten Per-sonen. Ohne die Einladung, solche Gespräche durch Berührung abzufühlen, kann eine taubblinde Person nicht die Erfahrung machen, Zeuge von Interaktionen zu sein; er hat die einseitige Erfahrung einer nur an ihn gerichteten Kommunikation. Wenn eine Per-son nur diese Erfahrungen macht, so hat dies sicherlich soziale Konsequenzen. In di-rekter Berührung mit dem Gespräch anderer Menschen zu sein, wird dazu beitragen, die Erfahrungen auszubalancieren und die Welt des taubblinden Menschen zu erwei-tern.

10. Lade die taubblinde Person ein, häufig taktilen Kontakt mit der Umgebung zu haben.

Dies mag zu offensichtlich erscheinen, um es zu erwähnen, aber es wird nur allzu oft vergessen. Eine Person, die blind ist, aber über ein feines Gehör verfügt, kann vieles durch ihre Ohren erfahren und wird oft danach verlangen, interessante Objekte zu be-rühren, deren Existenz sie von Gesprächen und Geräuschen abgeleitet hat. Eine Per-son, die taubblind ist, bekommt sehr wenig Hinweise darauf, was ausserhalb ihrer Reichweite vorhanden ist. Sie ist deshalb auf den guten Willen der Personen um sie herum angewiesen, die ihr die Umgebung erreichbar machen. Wenn es sich um eine neue Umgebung handelt, ist es besonders wichtig, der taubblinden Person bei der Ori-entierung zu helfen. Ein Kind wird viele Erfahrungen von Objekts- und Umgebungsbe-rüherungen brauchen, bevor ihm Sprache zu einer bedeutungsvollen Beschreibung dienen kann, und bevor es anstelle der eigentlichen Berührung von den Diensten der Übersetzer profitieren kann.

11. Mache die Handfertigkeiten vor, von denen Du wünschst, dass sie das Kind oder der Erwachsene erwirbt, und ermögliche den taktilen Zugang zu diesem Vorbild.

Allzu oft werden blinden oder taubblinden Kindern Handfertigkeiten zuerst gezeigt, in-dem die Betreuungspersonen oder Lehrer ihre Hände so führen, wie es den ge-wünschten für die Aktivität nötigen Bewegungen entspricht. Diese Art von Unterstüt-zung ist für ein Kind dann hilfreich, wenn es Schwierigkeiten mit einer bestimmten Handhabung hat. Es hilft ihm aber; wenn es dir zuerst dabei „zuschauen“ kann, wie du die Handlungen ausführst, bevor du von ihm erwartest, sie selbst auszuführen und be-vor du es dabei führst und manipulierst. Vormachen kann am natürlichsten geschehen, wenn man Aktivitäten als gemeinsame Handlungen betrachtet: Mache etwas zusam-men mit dem Kind, anstatt am Kind. Eine Aktivität wie Zähne putzen kann z. B. dem Kind ganz einfach vorgemacht werden, wenn du es dir zur Gewohnheit machst, deine Zähne zum gleichen Zeitpunkt zu putzen, und, wenn du das Kind einlädst, deine Zahn-bürste und Bewegungen zu berühren, während du mit der Aktivität beschäftigt bist.

Auch taubblinde Erwachsene können sehr von diesem Vorzeigen und dieser Gegen-seitigkeit profitieren. In einer Werkstatt z. B. können die Begleiter den taubblinden Ar-beitern sehr viel mitteilen, wenn sie die gleichen Aufgaben neben den taubblinden Ar-beitern ausführen und wenn sie diese dazu einladen, ihre Hände zu berühren („zuzu-schauen“) während sie arbeiten. Sie machen einerseits Handfertigkeiten vor und unter-stützen andrerseits andere Fähigkeiten wie das Aufrechterhalten der Aufmerksamkeit. Daneben bestätigen sie das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit der taubblinden Per-son; und diese Person wird ein Teil des „Wir“ und fühlt sich nicht isoliert oder auf die Seite gestellt. Dieses Gefühl des Dazugehörens kann sich durch den geschickten Ge-brauch der Hände der Begleiter der taubblinden Person entwickeln.

12. Mache Sprache für die Hände der taubblinden Person erreichbar.

Für viele taubblinde Menschen sind die Hände das einzige Sinnesorgan, das einen verlässlichen Zugang zu Sprache vermitteln kann. Ein kleines Kind, das hören kann, wird Tausende von Wörtern gehört haben, bevor es seine eigenen ersten Worte pro-duziert. Ein taubblindes Kind muss Tausende von „Wörtern“ berühren, bevor es fähig sein wird, Sprache zu verstehen und seine ersten eigenen Worte zu produzieren. Es muss diese Worte auf eine Art berühren, die es ihm erlaubt, ihnen Bedeutung zu geben – also während es die Sachverhalte erfährt, für die sie stehen. Dies bedeutet, Objekte für das Kind zu benennen, während es sie berührt, Handlungen zu benennen, während es damit beschäftigt ist und Gefühle zu benennen, während es sie fühlt.

Die Gebärdensprache ist gewöhnlich der wirksamste Weg, Sprache taktil erreichbar zu machen. In Alaska können taubblinde Kinder des Stammes der Inuit auf natürliche Art der Gebärdensprache begegnen, weil die Menschen in dieser Kultur schon eine Ge-bärdensprache kennen, die sie beim Jagen benutzen, um über größere Entfernungen hinweg zu kommunizieren. Eine Familie beginnt Gebärden konsequent zu benutzen, sobald sie erkennt, daß ein Kind gehörlos ist. Allein auf der Grundlage einer zugängli-chen Gebärdensprache (- weil die Lebensräume der Inuit sehr klein sind und deshalb Gewähr dafür bieten, daß sich Berührung leicht ereignen kann, ist der Zugang zusätz-lich erleichtert -), erwerben taubblind geborene Kinder in dieser Kultur oft viele Gebär-den im Alter von vier oder fünf Jahren. (Rhonda Budde, persönliche Mitteilung, März, 1997). Lehrer, Eltern und Betreuer von taubblinden Kindern täten gut daran, eine ähnli-che Kultur im Klassenzimmer und Zuhause zu entwickeln - eine Kultur, in der das taubblinde Kind Sprache mit seinen Händen hören kann (oder wenn möglich mit seinen Augen). Es ist ein großer Unterschied, ob man die Sprache für Hände oder Augen auf einem natürlichen Weg zugänglich macht oder ob man eine Sprache Zeichen für Zei-chen lehrt. Ein Kind oder Erwachsener lernt eine Sprache auf Grund von fortwährender sinnvoller Darbietung, und nicht indem ihm ein Wort nach dem anderen beigebracht wird. Es ist manchmal nötig, einzelne Begriffe zu erarbeiten, dies sollte aber nur inner-halb eines Zusammenhangs geschehen, in dem eine erreichbare Sprache umfassend dargeboten wird.

Gebärdensprache und auch die Tadoma - Methode, Berührungshinweise, Signalge-genstände, zweidimensionale Symbole und Braille, all dies kann als Weg dazu dienen, Sprache für die Person, die weder sehen noch hören kann, erreichbar zu machen. Wenn du eine taubblinde Person dazu einlädst, dich zu berühren, während du sprichst, wenn sie ihren Daumen leicht auf deine Unterlippe und ihre Finger ausgestreckt auf deinen Hals legen darf, wo die Geräusche vibrieren, dann kann ihr dies ermöglichen, stimmliche Vibrationen zu unterscheiden, was wiederum den Zugang zu Sprache er-höht (diese Handposition nennt man Tadoma - Position). Wenn man Aktivitäten mit Hilfe von Berührungshinweisen und / oder Signalgegenständen darstellt („repräsen-tiert“), so kann dies einer der ersten symbolischen Wege sein, um einem Kind zu zei-gen, was geschehen wird; dies kann auch ein früher Weg sein, um Sprache taktil er-reichbar zu machen. Die Begegnung mit der Braille-Schrift und / oder anderen struktu-rierten Bezeichnungen entspricht dann der natürlichen Begegnung eines sehenden Kindes mit Schrift – so kann auch das taubblinde Kind mit einfachen Bezeichnungen konfrontiert werden, lange bevor man erwartet, dass es sie lesen kann. Durch diese Konfrontation erhält das Kind einfach die Möglichkeit, auf die Existenz von taktilen Be-zeichnungen oder Bezeichnungen in Braille-Schrift aufmerksam zu werden und auch darauf, dass sie für Objekte oder Personen stehen – genauso wie das Kind, das sehen kann, anfangen wird, Bezeichnungen auf allen möglichen Dingen im Haus und in der Schule zu bemerken.

13. Werde dir bewusst, dass Deine eigenen Hände Träger von Gefühlen sind und praktische Funktionen übernehmen.

Jedes Mal, wenn wir einander berühren, sagen wir etwas durch die Qualität unserer Berührung aus. Eine taubblinde Person kann diese Art der Kommunikation wahr-scheinlich mit mehr Sensibilität aufnehmen als eine Person, die ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf das richtet, was sie sieht und hört. Wir müssen uns bewusst darüber sein, was wir genau mitteilen, während wir berühren. Von meinen Schülern und Freun-den habe ich über die Jahre hinweg gelernt, dass durch Berührung eine grosse Viel-zahl von Gefühlen mitgeteilt werden kann. Die Geschwindigkeit, mit der meine Hände sich bewegen, die Leichtigkeit oder Schwere meiner Berührung, die Wärme oder Kälte meiner Hände - all dies und mehr kann Glück, Traurigkeit, Wut, Ungeduld, Enttäu-schung und eine ganze Menge anderer Gefühle übermitteln. Es wird unsere Kommuni-kation unterstützen, wenn wir uns zunehmend bewusst sein können, was unsere Hän-de sagen, wenn sie berühren. Aber wir werden nicht immer fähig sein, uns vollständig bewusst zu sein oder kontrollieren zu können, was unsere Hände übermitteln. Da kön-nen unsere taubblinden Schüler, Freunde oder Familienmitglieder eine grosse Hilfe für uns sein. Sie können unsere Gefühle widerspiegeln und uns dabei helfen, bewusster und aufmerksamer zu werden. Dies kann allerdings nur geschehen, wenn wir empfind-sam für ihre Reaktionen auf uns sind und wenn wir eine Rückmeldung herausfordern.

Hände können nicht nur Gefühle ausdrücken, sondern auch Absichten. Sie können praktische Funktionen übermitteln. Eine Berührung kann ein Befehl sein, eine Frage, ein Ausruf, eine Einladung oder eine einfache oder komplizierte Bemerkung, abhängig davon, wie sie geäussert wird. Wenn irgendeine dieser praktischen Funktionen über-trieben gebraucht wird, kann dies gesprächsartige Interaktionen verhindern, egal, ob das Gespräch verbal oder nonverbal ist. Zu viele Befehle oder „lehrerhafte“ Fragen (Fragen, zu denen der Frager die Antwort schon kennt) gefährden in besonderer Weise ein unbeschwertes Hin- und her im Gespräch - man muss nur seine eigenen Ge-sprächserlebnisse betrachten, um zu wissen, wie wahr dies ist. Kommentare, echte Fragen und Einladungen sind eher dazu geeignet, zu weiteren Interaktionen zu ermuti-gen. Deshalb müssen wir lernen, so zu berühren, dass diese Absichten (Funktionen) übermittelt werden, wenn wir mit einer taubblinden Person in Interaktion treten; dies gilt auch für Personen, die Sprache nicht sicher beherrschen. Für einen Physiotherapeuten z. B. ist es vielleicht nützlicher, ein Kind zu der Ausführung einer Bewegung einzula-den, anstatt ihm dies zu befehlen. Es erleichtert auch jegliches interaktives Gesche-hen, dabei immer wieder eine Pause zu machen, um mit Hilfe von Berührungen das zu kommentieren, was das Kind interessiert. So ein Kommentar kann die einfache Form der Hand-unter-Hand - Berührung haben, wie unter Nr. 3 beschrieben, oder es kann eine nicht direktive Berührung sein, durch die Sympathie übermittelt wird. Es kann so-gar die Nachahmung einer Geste sein, die einfach besagt: „Ich höre, was Du sagst“, in fast der gleichen Art, wie dies jemandem, der sehen kann durch Augenkontakt oder durch ein Kopfnicken übermittelt würde. Das wichtigste am Kommentar im Unterschied zu einem Befehl, einer Anweisung oder zu bestimmten Fragen ist, dass ein Kommentar nicht die Spur einer Forderung aufweist. Er überlässt dem anderen die Freiheit, ob er antworten möchte oder nicht.

Wenn wir im Verlauf von Interaktionen mit taubblinden Menschen mit unseren Händen immer wieder einen Kommentar geben, können wir leichter der Versuchung widerste-hen, ständig zu dirigieren und Dinge an der anderen Person oder für sie zu tun. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus weiss ich, dass diese Versuchung oft aus dem na-türlichen Wunsch heraus geboren wird, einer Person zu helfen, die aufgrund ihrer sen-sorischen Beeinträchtigungen viel Hilfe zu brauchen scheint. Um dieser Versuchung zu widerstehen, ist es erforderlich, dass ich der natürlichen Kompetenz der taubblinden Person zu trauen beginne und sie respektiere, in welcher Form sich auch immer diese Kompetenz zeigt. Ich muss lernen zu sehen, dass die Person die Dinge für sich selber entdecken wird, wenn ich ihre Hände nicht immer führe, und, dass sie mit Beobachtun-gen und eigenen Ideen kommen wird, wenn ich ihr nicht nur lenkende Fragen stelle. Damit dies geschehen kann, muss ich ihren Händen die Freiheit und die Zeit lassen, sich auszudrücken. Ich muss auch lernen, meine eigenen Hände nicht nur als Werk-zeug zu benutzen (ihre typische Funktion), sondern auch als Sinnesorgane und als ei-ne Art Stimme, die sehr differenzierte Gefühle vermitteln kann.

Eine erwachsene taubblinde Frau beschrieb eine Erfahrung, in der eine sorgfältige Be-rührung dafür sorgte, Gefühl und Einfühlung zu übermitteln und die so zu einem einfa-chen, tröstendenden Kommentar wurde:

Ich erinnere mich, als ich im Spital eine Operation hatte, und gerade aus der Narkose erwachte. Ich war noch nicht vollständig munter und begann, mich „alleine“ zu fühlen, weil ich meine Hör-geräte und meine Brille nicht bei mir hatte und von Geräuschen und Dingen abgeschnitten war. Plötzlich fühlte ich eine Hand meinen Arm streicheln, die mir sagte, das alles ist o. k., und alles ist gut. Diese Hand bedeutete die Welt für mich! Sie übermittelte mir mehr als dies Sehvermö-gen und Geräusche in diesem Moment hätten tun können. ( Dorothy Walt, pers. Mitteilung, April 1997)

Eine andere junge taubblinde Frau drückte die Wichtigkeit der Hände in ihrem Leben mit dem folgenden Gedicht aus:

Meine Hände
Meine Hände sind...
Meine Ohren, meine Augen, meine Stimme...mein Herz.
Sie drücken meine Wünsche, meine Be-dürfnisse aus
Sie sind das Licht, das mich durch die Dunkelheit führt

Sie sind jetzt frei
Nicht länger an eine hörende - sehende Welt gebunden
Sie sind frei
Sie führen mich sanft
Mit meinen Händen singe ich
Singe laut genug, so dass die Tauben es hören können
Singe genug hell, so dass die Blinden es sehen können

Sie sind meine Freiheit von einer dunk-len, stillen Welt
Sie sind mein Fenster zur Welt
Durch sie kann ich wahrhaftig sehen und hören

Ich kann die Sonne im blauen Himmel erfahren
Die Freude von Musik und Lachen
Die Weichheit eines sanften Regens
Die Rauheit einer Hundezunge

Sie sind mein Schlüssel zur Welt
Meine Ohren, meine Augen, meine Stimme...
Mein Herz

Sie sind ich

Amanda Stine, 1997

Wir haben alle viel zu lernen über Hände und über Berührung als ein Mittel, um zu wis-sen. Berührung ist ein vernachlässigter Sinn in unserer Kultur, und Hände werden als Ausdrucksmittel allzu oft ignoriert. Taubblinde Menschen können unsere Lehrer sein und uns lehren, wie wir unsere Hände immer geschickter benutzen können.

Bibliographie:

Adamson, Bakeman & Smith, (1994) Gestures, words, and early object sharing. V. Volterra and C.J. Erting (Eds.), From gesture to language in hearing and deaf children, Washington, DC: Gallaudet University Press.

Fraiberg, S. (1977). Insights from the blind; comparative studies of blind and sighted infants, New York: Basic Books.

Lane, H. (1977, June). Modality-appropriate stimulation and deaf-blind children and adults. Discurso a la conferencia Hilton-Perkins Conference on Deafblindness, Washington DC.

Quigley, S.P., & Paul, P.V. (1984). Language and deafness, San Diego, CA: College-Hill Press.


Nachwort von Harlan Lane

Es ist heute allgemein akzeptiert, dass die Evolution die Arten mit der Fähigkeit aus-stattet, sich über die Zeit einer sich verändernden Umgebung anzupassen. Weniger anerkannt ist vielleicht die Tatsache, dass die Evolution uns auch mit der Fähigkeit ausgestattet hat, uns im Laufe unseres Lebens an unsere Umgebung anzupassen. Diese Fähigkeit des menschlichen Gehirns, sich an Veränderungen der Umgebung an-zupassen, kortikale Plastizität genannt, ist etwas, das uns wohl verblüffen kann.

Kortikale Plastizität beinhaltet viel mehr als die Erhöhung der Leistungsfähigkeit von Gehirnarealen durch sensorische Stimulation und die Leistungseinbußen derjenigen Areale, die aufgrund funktionsuntüchtiger Sinne keine Stimulationen mehr erhalten; kortikale Plastizität beinhaltet auch, dass sich beim Ausfall eines Sinnes kompensatori-sche Veränderungen im Nervengewebe ergeben, die dann den anderen funktionstüch-tigen Sinnen dienen. Das Gehirn kann in seinem Gewebe neue Verbindungen wach-sen lassen, die den funktionstüchtigen Sinnen dienen und es kann diesen Sinnen Ge-hirnzonen neu zuteilen, die ansonsten den jetzt nicht mehr funktionierenden Sinnen gedient hätten. So wird eine nervliche Grundlage für eine grössere Leistung der ver-bliebenen funktionstüchtigen Sinne geschaffen, eine Anpassung, die das Überleben von Organismen mit einer veränderten sensorischen Struktur fördert. In Folge dessen kann man z.B. nur mit Hilfe des Gesichtssinnes eine Sprache erlernen, man kann Ob-jektklassifizierungen und Objektpermanenz durch den Gebrauch von Berührung lernen; durch den Geruchssinn lernt man etwas vorauszusehen oder man kann nur mit Hilfe des Gehörs Ursächlichkeit feststellen usw. Auf ähnliche Weise können sozial - emotio-nale Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit zu erhalten, zusammenarbeiten, überzeugen, Bindungen eingehen, spielen – mit verschiedenen Sinnen gelernt und umgesetzt wer-den. Gehörlose Menschen lernen alle diese Dinge ohne Ton zu tun, die Blinden ohne Gesichtssinn. Um Erfolg zu haben, muss das folgende entscheidende Problem gelöst werden: Wie muss die Darbietung der Ereignisse umorganisiert werden, damit sie von den zur Verfügung stehenden Sinnesmodalitäten erfasst werden können?

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie viel Feinheit und Komplexität für die Entwick-lung einer den Modalitäten entsprechenden Stimulation notwendig ist, brauchen wir nur eine der natürlichen menschlichen Sprachen zu betrachten, die sich am Gesichtssinn der Menschen orientiert, nämlich die amerikanische Gebärdensprache der Gehörlosen. An ihr kann gezeigt werden, auf welche vielfältige Weise sie an das Sehen angepasst ist und wie sie für das Sehen verwendet wird – dies zeigt sich an ihren Regeln für die Formung der Gebärden, an ihrem Gebrauch des Raumes für die Grammatik, an ihrem gleichzeitigen Gebrauch von mehreren Informationskanälen und vielem mehr. Gehör-lose Kinder, die zwar mit Gebärden konfrontiert werden, dies aber ohne das Angebot einer räumlichen Grammatik, entwickeln schliesslich selbst eine räumliche Grammatik in ihrem gebärdeten Ausdruck, obwohl sie dies nie gesehen haben.

Wenn Kinder, die gehörlos aufgewachsen sind, visuelle Menschen sind, so sind Kinder, die taubblind aufgewachsen sind - taktile Menschen. Die ihrer Modalität angepasste Stimulation muss vor allem über die Haut gehen, insbesondere mittels der sensorischen Empfän-ger, die sich in den Raum um die taubblinde Person herum erstrecken können – mittels der Hände. Taubblinde Erwachsene können uns viel darüber mitteilen, wie man Infor-mationen mit Hilfe des taktilen Kanals lenken kann, da sie solche Anpassungen jeden Tag leisten. Dies ist nun die Herausforderung für Familien und Lehrer von taubblinden Menschen: Sie müssen Wege finden, um unsere täglichen Interaktionen, die auf Sehen und Hören eingestellt sind, umzuorganisieren, so dass sie statt dessen auf Berührung eingestellt sind. Braille tat genau dies, als er seinen Code für das Alphabet erfand; die Gemeinschaft der taubblinden Menschen tat genau das, als sie Kommunikation in amerikanischen Gebärdensprache auf die taktile Modalität anpasste. Allerdings müs-sen nicht weniger als alle Arten von menschlichen Interaktionen in dieser Hinsicht neu überdacht werden. Dies erfordert eine tiefe Vertrautheit mit den taubblinden Menschen, eine Bereitschaft, sowohl ihr Schüler als auch ihr Lehrer zu sein, dies bedeutet Ver-bindlichkeit und bedarf hoher Kreativität. Barbara Miles lässt all dies in den vorausge-gangenen Betrachtungen erkennen, wenn sie über die Sprache, die Hände zu Händen sprechen, schreibt.

Harlan Lane



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